Neue Allianz für faktenbasiertes Erzählen auf der Bühne

Kunst und Journalismus

© Andreas Beck

Mit „Kunst und Journalismus“ starten das Schauspiel Köln und das gemeinwohlorientierte Medienhaus CORRECTIV eine langfristige Kooperation, die das Potenzial beider Disziplinen für ein zeitgenössisches, faktenbasiertes Erzählen nutzt. Es entsteht ein Laboratorium, in dem Künstler*innen und Journalist*innen gemeinsam neue Formen des dokumentarischen und recherchebasierten Theaters erproben. Bereits in der Spielzeit 2025/26 entstehen fünf Inszenierungen, die investigative Stoffe in eigenständige theatralische Perspektiven übersetzen.

Die Zusammenarbeit reagiert auf eine gesellschaftliche Situation, in der Informationen zwar jederzeit verfügbar sind, ihre Bedeutung aber in der Schnelllebigkeit digitaler Aufmerksamkeit oft verloren geht. Auf der Bühne hingegen können Faktenästhetisch transformiert und erfahrbar werden. Intendant Kay Voges beschreibt das Theater als einen Raum, in dem „Wirklichkeit konstruiert, wahrhaftig befragt und in ihrer Mehrdeutigkeit erfahrbar“ wird. Die Recherchen von CORRECTIV dienen dabei als künstlerisches Ausgangsmaterial.

Im Rahmen der Kooperation soll ein Thinktank von Journalist*innen und Künstler*innen entstehen. Hier werden Recherche, künstlerische Praxis und dokumentarische Ästhetik zusammengeführt, um neue Ausdrucksformen zu entwickeln. Neben recherchebasierten Bühnenarbeiten werden Erfahrungen und Wissen in Workshops geteilt. Zudem entsteht eine Quartalsschrift, die sich mit Fragen künstlerischer Methoden, ästhetischer Übersetzungen und den Möglichkeiten befasst, wie Kunst und Recherche einander produktiv ergänzen können.

Wir engagieren uns für das Projekt, weil die Verbindung von Theater und Journalismus neue Zugänge zu gesellschaftlichen Themen eröffnet. Beide Felder verfügen über eigene Formen der Recherche und Vermittlung; gemeinsam können sie unterschiedliche Perspektiven zusammenführen und neue Ansätze im Umgang mit komplexen Fragen erproben. Uns überzeugt der Anspruch, Recherche, künstlerische Methode und dokumentarische Ästhetik zu verbinden und Formate zu entwickeln, die sowohl analytisch präzise als auch ästhetisch zugänglich sind.

Förderzeitraum1.November 2025 – 31. Oktober 2027
VeranstaltungsortSchauspiel Köln
Fördersumme140.000 Euro
Webseitetheaterundjournalismus.de

Interview mit Kay Voges


Sie wollen das Schauspiel Köln zu einem „Medienhaus“ machen, das faktenbasiertes Erzählen ins Zentrum stellt. Was kann das Theater, was Journalismus alleine nicht schafft?

Wir bekommen von Journalistinnen oft gespiegelt, dass es heute schwieriger denn je ist, komplexe und aufwändige Recherchen so zu platzieren, dass sie auf eine große Leserschaft stoßen. Gerade online sind die Aufmerksamkeitsspannen kurz. Print ist weiterhin leicht rückläufig. Im Theater können komplizierte Recherchen und verschachtelte Zusammenhänge spannend und faktengetreu erzählt und auch Scoops prominent platziert werden. Das Publikum ist nicht abgelenkt und für 90 Minuten voll fokussiert.

 

Das Projekt versteht sich als Laboratorium für Kunst und Journalismus. Wie sieht diese Arbeit konkret aus, und wie können sich Künstler*innen und Journalist*innen gegenseitig bereichern?

Wir entwickeln quasi als ein gemeinsamer Thinktank zusammen Ideen. Die Impulse können aus beiden Richtungen kommen. An welchen Themen sind die Journalisten dran, für welche Stories brauchen Sie einen Ort zur Resonanzerweiterung? Wo können Schauspieler*innen helfen, eine Recherche unterhaltsam und faktengetreu über die Rampe zu bringen? Auf der anderen Seite kommen die Themen aus der laufenden kuratorischen Praxis der Dramaturgie des Schauspiel Köln. Bei welchen brennenden Themen braucht sie Unterstützung bei der Entwicklung und faktenbasierten Ausgestaltung von Themen für die Bühne? Journalisten und Theaterleute sind gleichermaßen Profis im Geschichtenerzählen. Mit unterschiedlichen Schwerpunkten und einem jeweils etwas anders ausdifferenzierten Verhältnis zur Wirklichkeit. Die gegenseitige Inspiration ergibt sich genau durch die verschiedenen Arbeitsmethoden und Vervielfältigungswege. Wie konstruieren wir Wahrheit, Wahrhaftigkeit, die Wirklichkeit.

 

In Zeiten von Informationsflut und Fake News: Welche Rolle spielt das Publikum in diesem neuen Recherchetheater und welchen Gewinn sollen die Zuschauer*innen daraus ziehen?

Das Publikum bekommt spannende Geschichten erzählt, die direkt aus der Realität kommen. In guter Broadway-Tradition gibt es viel zu lernen – und trotzdem ist dieser Lernprozess immer eingebettet in Entertainment. Hinzu kommt der kollektive Anteil am Theater. Man ist nicht alleine mit einer Lektüre und muss zum Austausch „ins Netz“, sondern kann direkt im Anschluss, von Angesicht zu Angesicht, miteinander über die Themen ins Gespräch kommen. Das ist gelebte Meinungsbildung und demokratische Praxis in einer freien Gesellschaft.

 

 

 

Kay Voges
© Marcel Urlaub

 

Journalisten und Theaterleute sind gleichermaßen Profis im Geschichtenerzählen. Mit unterschiedlichen Schwerpunkten und einem jeweils etwas anders ausdifferenzierten Verhältnis zur Wirklichkeit.

Kay Voges

„Ruin“ von Sung Tieu und Henrike Naumann

Deutscher Pavillon auf der Biennale in Venedig

© Andrea Rossetti

Mit „Ruin“ verwandeln Sung Tieu und Henrike Naumann den Deutschen Pavillon der Biennale di Venezia 2026 in einen Raum, in dem Geschichte materiell spürbar wird. Kuratiert von Kathleen Reinhardt, verbindet der Beitrag persönliche Erinnerungen, politische Brüche und architektonische Spuren zu einer vielschichtigen Auseinandersetzung mit deutscher Gegenwart und ihren historischen Kontinuitäten.

Ausgangspunkt ist die Frage, wie politische Gewalt, gesellschaftliche Verunsicherung und autoritäre Dynamiken in Räume, Bilder und Alltagsästhetiken eingeschrieben bleiben. Dabei arbeiten beide Künstlerinnen mit historischen Spuren, persönlichen Erinnerungen und architektonischen Fragmenten, um Gegenwart nicht als abgeschlossene Gegenwart, sondern als Fortsetzung vergangener Konflikte sichtbar zu machen. „Ruin“ beschreibt deshalb nicht nur den Verfall von Gebäuden, sondern auch politische und gesellschaftliche Brüche, deren Folgen bis heute fortwirken.

Sung Tieu überzieht die monumentale Architektur des Pavillons mit der Fassade eines ehemaligen DDR-Plattenbaus in der Berliner Gehrenseestraße. Der Wohnkomplex war eines der größten Wohnheime für Vertragsarbeiter*innen der DDR und zeitweise auch ihr eigenes Zuhause. Heute wird die Anlage abgerissen. In Venedig entsteht sie als großformatiges Mosaik neu und verbindet Fragen von Migration, Erinnerung, Überwachung und Verdrängung mit der Geschichte des Deutschen Pavillons selbst.

Im Inneren des Pavillons entwickelt Henrike Naumann mit Möbeln, Gardinen, Wandfarben und Interieurs eine installative Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Militarisierung, rechter Gewalt und ostdeutscher Transformationsgeschichte.

Ihre Arbeit verbindet Nachkriegszeit, DDR-Alltag und die „Baseballschlägerjahre“ der 1990er Jahre zu einer „archäologischen Vorgeschichte der Gegenwart“. Dabei untersucht sie, wie politische Spannungen und gesellschaftliche Verhärtungen Teil alltäglicher Räume und ästhetischer Gewohnheiten werden. Henrike Naumann hat ihren Beitrag bis zu ihrem plötzlichen Tod im Februar 2026 maßgeblich entwickelt. Das Team des Deutschen Pavillons realisiert die Arbeit in enger Abstimmung mit ihrem Studio und führt ihre künstlerische Konzeption weiter.

Der Pavillon ist in diesem Jahr zudem eng mit Hamburg verbunden: Sung Tieu ist Absolventin der HFBK Hamburg und war dort zuletzt Vertretungsprofessorin. Henrike Naumann sollte ab Herbst 2026 eine Professur an der Hochschule übernehmen. Zwischen Plattenbau, Interieur und monumentaler Pavillonarchitektur entsteht mit „Ruin“ ein Raum, in dem deutsche Geschichte nicht linear erzählt wird, sondern gleichzeitig und widersprüchlich erfahrbar bleibt.

Henrike Naumanns künstlerische Stimme wird weit über diese Biennale hinaus fehlen.

Förderzeitraum9. Mai bis 22. November 2026
VeranstaltungsortBiennale von Venedig, Italien
Fördersumme40.000 Euro
Webseitewww.deutscher-pavillon.org/de

Literatur in Zeiten des Übergangs im Thalia Theater

Umbrüche

© Isabel Machado Rios / Thalia Theater

In der Literaturreihe Umbrüche laden Deniz Utlu und Sasha Marianna Salzmann internationale und deutschsprachige Autor*innen ins Nachtasyl des Thalia Theaters ein. In Lesungen und Gesprächen untersuchen sie, wie Literatur politische, soziale und persönliche Veränderungen aufnimmt und in Sprache übersetzt.

Wie verändert sich das Schreiben, wenn vertraute Gewissheiten ins Wanken geraten? Dieser Frage widmen sich die eingeladenen Autor*innen anhand ihrer aktuellen Werke. Sie lesen aus ihren Büchern, sprechen über ihre Themen und Arbeitsweisen und erläutern, wie gesellschaftliche Erfahrungen in literarische Formen eingehen. So wird nachvollziehbar, wie Literatur Veränderungen nicht nur beschreibt, sondern ordnet, verdichtet und aus unterschiedlichen Perspektiven erfahrbar macht.

Die Reihe bringt Autor*innen mit verschiedenen biografischen, sprachlichen und politischen Erfahrungen zusammen. Ihre Texte befassen sich unter anderem mit Migration, Gewalt, gesellschaftlichen Machtverhältnissen, persönlichen Verlusten und politischen Umbrüchen. Im Gespräch werden diese Perspektiven miteinander in Beziehung gesetzt, ohne Widersprüche aufzulösen oder auf einfache Deutungen zu verkürzen.

Das Nachtasyl schafft dafür einen offenen und unmittelbaren Rahmen. Autor*innen, Schauspieler*innen und Publikum kommen über die Texte und die darin verhandelten Fragen ins Gespräch. Die Begegnung endet nicht mit der Lesung, sondern setzt sich im Austausch vor Ort fort. Sonderausgaben und Verbindungen zu anderen Kunstformen, etwa zur Musik, erweitern die literarische Auseinandersetzung zusätzlich.

Mit Gästen wie Fatma Aydemir, Ece Temelkuran, Maria Stepanova, Anna Dushime und Ozan Zakariya Keskinkılıç versammelt Umbrüche Stimmen, die gesellschaftliche Veränderungen aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Die Reihe verbindet literarische Qualität mit der Auseinandersetzung über drängende Fragen der Gegenwart und schafft einen Raum, in dem komplexe Erfahrungen sprachlich gefasst, miteinander ins Verhältnis gesetzt und gemeinsam mit dem Publikum diskutiert werden können.

Förderzeitraum2025 – 2027
VeranstaltungsortThalia Theater
Fördersumme20.000 Euro
Webseitewww.thalia-theater.de

Eine Konzertreihe des Ensemble Resonanz

urban string

© Jann Wilken

Wie innovative Konzertformate in der Praxis aussehen können, zeigt das Ensemble Resonanz seit vielen Jahren mit seiner experimentellen Reihe urban string, in der es Kammermusik und Clubkultur fusioniert. Das international renommierte Kammerorchester verbindet hohe künstlerische Qualität mit der konsequenten Arbeit an neuen Aufführungsformen.

Mit der Konzertreihe „urban string“ holt das Ensemble Resonanz klassische Musik in das urbane Nachtleben. Mitten im Hamburger Bezirk St. Pauli präsentieren die Musiker*innen mit jeder Ausgabe ein eigens entwickeltes Programm und spannen dabei den Bogen vom klassischen Repertoire über Werke des 20. Jahrhunderts bis hin zu zeitgenössischen Kompositionen.

Die Moderation übernehmen die Musiker*innen selbst und setzen so den thematischen Rahmen. Kooperationen mit DJs und Künstler*innen anderer Sparten bauen weitere Brücken und prägen die Atmosphäre von „urban string“ als künstlerisches Labor. Ziel der Konzertreihe ist es, klassische Musik zugänglicher zu machen und in den Stadtteil zu integrieren. 2016 wurde das Format mit dem Innovation Award der Classical Next ausgezeichnet.

Das Ensemble Resonanz zählt zu den führenden Kammerorchestern

weltweit. Seit 2017 hat das demokratisch organisierte Streichorchester eine Residenz in der Elbphilharmonie. Mit dem Format „urban string“ beschreiten die Musiker*innen neue Wege, um ein heterogenes und vornehmlich junges Publikum zu erreichen. Damit steht die Reihe für Offenheit und Mut. Diese Experimentierfreude gepaart mit dem hohem künstlerischem Niveau überzeugen uns.

AufführungMonatlich
Veranstaltungsortresonanzraum St. Pauli (Bunker Feldstraße), Hamburg
Förderzeitraum2013-2026
Fördersumme183.000 Euro
Webseiteensembleresonanz.com

Erste umfassende Einzelausstellung Montgomerys in Europa in den Deichtorhallen Hamburg

Philip Montgomery – American Cycles

© Philip Montgomery

Der mexikanisch-amerikanische Fotograf Philip Montgomery zählt zu den prägenden Stimmen des zeitgenössischen Fotojournalismus in den USA. In seinen Schwarzweißserien verdichtet er gesellschaftliche, politische und ökologische Konflikte zu eindringlichen Bildkompositionen.

Nun zeigt das PHOXXI – das temporäre Haus der Photographie der Deichtorhallen Hamburg – seine erste große institutionelle Einzelausstellung in Europa. Montgomery dokumentiert seit über einem Jahrzehnt soziale Ungleichheit, strukturellen Rassismus, Naturkatastrophen und politische Polarisierung. Ikonisch wurden seine Fotografien der Black-Lives-Matter-Proteste nach der Ermordung von George Floyd, ebenso wie seine Serien zur Opioidkrise oder zu den Folgen extremer Wetterereignisse. Seine Arbeiten erscheinen regelmäßig in The New York Times Magazine, The New Yorker und Vanity Fair.

Die Ausstellung American Cycles versammelt rund 100 Fotografien aus den vergangenen zehn Jahren – darunter bekannte Auftragsarbeiten ebenso wie bislang unveröffentlichte Bilder.

Indem Montgomery individuelle Lebenssituationen mit übergeordneten gesellschaftlichen Dynamiken verknüpft, entsteht ein komplexes Porträt der Vereinigten Staaten im Wandel. Seine Fotografien zeigen Protestbewegungen, verletzliche Alltagsmomente, religiöse Gemeinschaften, politische Ränder und Menschen, die unmittelbar von ökonomischen oder ökologischen Krisen betroffen sind.

Die Ausstellung lädt dazu ein, Montgomerys Bilder im Spannungsfeld von dokumentarischer Beobachtung und künstlerischer Interpretation zu lesen. So eröffnet Montgomerys Werk einen präzisen Blick auf jene Schnittstelle, an der sich dokumentarischer Journalismus und künstlerische Praxis begegnen.

Förderzeitraum28. November 2025 – 10. Mai 2026
VeranstaltungsortPHOXXI – Haus der Photographie temporär, Deichtorhallen Hamburg
Fördersumme5.000 Euro
Webseitedeichtorhallen.de

FRAMING the REPERTOIRE

Neue Perspektiven auf das Opernrepertoire der Staatsoper Hamburg

© Manuel Braun / Staatsoper Hamburg

FRAMING the REPERTOIRE lädt das Publikum der Staatsoper Hamburg ein, bestehende Inszenierungen aus heutiger Perspektive neu zu betrachten. Die Programmlinie versteht das Opernrepertoire als lebendigen Erfahrungs- und Reflexionsraum, in dem historische, ästhetische und gesellschaftliche Perspektiven aufeinandertreffen.

Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Inszenierungen, die teilweise vor vielen Jahren entstanden sind, heute gelesen und kontextualisiert werden können. Repertoireproduktionen werden dabei als Kunstformen eigenen Rechts begriffen, deren Bedeutung sich mit den Erfahrungen und Fragestellungen jeder Gegenwart verändert. So lassen sich sowohl die historischen Dimensionen einer Produktion als auch ihre Wirkung auf ein heutiges Publikum neu erschließen.

Rund um ausgewählte Wiederaufnahmen entfaltet FRAMING the REPERTOIRE ein vielfältiges Begleitprogramm. Gespräche, Vorträge und künstlerische Interventionen eröffnen neue Perspektiven auf Werk, Regie und Aufführungsgeschichte.

Studentische Framing Guides begleiten die Vorstellungen und kommen mit dem Publikum über unterschiedliche Lesarten der Produktionen ins Gespräch. Ergänzt wird das Programm durch neu gestaltete Programmhefte sowie die Framing Hall, einen Ort zum Lesen, Zuhören und Diskutieren.

FRAMING the REPERTOIRE versteht das Publikum als aktiven Teil der künstlerischen Auseinandersetzung. Bestehende Inszenierungen werden nicht nur bewahrt, sondern in ihren historischen Zusammenhängen sichtbar gemacht und aus heutiger Perspektive weitergedacht. Indem die Programmlinie Vermittlung, Kontextualisierung und Beteiligung miteinander verbindet, zeigt sie, wie sich Opernrepertoire kontinuierlich neu erschließen lässt und klassisches Musiktheater durch neue Formen der Rezeption lebendig bleibt.

Förderzeitraum2025-2027
VeranstaltungsortStaatsoper Hamburg
Fördersumme30.000 Euro
Webseitewww.die-hamburgische-staatsoper.de

Initiative für neue Konzertformate

TONALi

© Pauline Schüler

TONALi entwickelt Konzertformate, die Musiker*innen, Publikum und Stadtraum miteinander verbinden. So entstehen neue Zugänge zur klassischen Musik und Formen der Teilhabe, die das Konzert neu denken.

Die Hamburger Kultur und Bildungsinitiative verfolgt seit 2010 das Ziel, klassische Musik als offene Kunstform weiterzuentwickeln. Dabei geht es nicht nur um neue Formate, sondern auch um die Frage, wer an ihrer Entstehung beteiligt ist. TONALi bindet deshalb Musiker*innen, junge Menschen und Publikum aktiv in die Gestaltung des Konzertlebens ein.

In der TONALi Akademie entwickeln internationale Nachwuchsmusiker*innen eigene künstlerische Konzepte und verbinden ihre musikalische Arbeit mit Vermittlung, Organisation und gesellschaftlicher Verantwortung. Die Publikumsakademie beteiligt Hamburger Schüler*innen an der Entwicklung und Umsetzung von Konzerten. Beide Programme schaffen einen gemeinsamen Lernraum, in dem junge Menschen Verantwortung übernehmen und klassische Musik aus unterschiedlichen Perspektiven mitgestalten.

Mit dem Kunstschutzgebiet trägt TONALi diesen Ansatz in den Stadtraum. Rund um den Campus in Hamburg entstehen Orte, an denen Nachbarschaft, Jugendliche, Musiker*innen und Publikum zusammenkommen. Auch das TONALi Festival verbindet künstlerische Qualität mit gesellschaftlicher Teilhabe und zivilgesellschaftlichem Engagement.

TONALi verbindet Nachwuchsförderung und künstlerische Entwicklung mit Vermittlung und gesellschaftlicher Verantwortung. Durch interdisziplinäre Formate, die Öffnung in den Stadtraum und die aktive Beteiligung junger Menschen entstehen neue Perspektiven für das klassische Konzert und ein vielfältiges Publikum.

Förderzeitraum2014-2027
Veranstaltungsortverschiedene Orte in Hamburg
Fördersumme55.000 Euro
Webseitetonali.de

Interview mit Amadeus Templeton


Wie erreicht TONALi mit der Publikumsakademie Jugendliche, die von Hause aus nur wenig Berührungspunkte mit klassischer Musik haben?

Mit unserer Publikumsakademie wenden wir uns vornehmlich an Jugendliche aus weiterführenden Stadtteilschulen und Gymnasien aus dem gesamten Hamburger Stadtgebiet. Auch achten wir genau darauf, eine möglichst große gesellschaftliche Vielfalt durch unsere Arbeit zu erreichen und zu involvieren. Gerade die Jugendlichen aus Schulen, die mit klassischer Musik vielleicht eher weniger zu tun haben, interessieren uns besonders. Warum? Weil wir nicht für die klassische Musik missionieren, sondern mit der klassischen Musik in einen interkulturellen Dialog treten möchten. Das ist vielleicht auch der Schlüssel unseres kulturellen Bildungserfolgs. Wenn wir diese Haltung wirklich leben, dann machen wir uns für die erreichbar, die von Hause aus nur wenig Berührungspunkte mit klassischer Musik haben. Und wenn wir uns dann begegnen in TONALi-Konzerten, in denen die Bühne zwischen Profis und Amateuren paritätisch geteilt wird, in der eine professionell gespielte Schubert-Symphonie einem partizipativen Spielraum gegenübersteht, dann wird das Ganze zu einem Fest, zur Musik, die alle ernst- und mitnimmt.

 

Inwiefern bereitet die in der Bühnenakademie gebotene Ausbildung die Stipendiaten darauf vor, ihren Lebensunterhalt
als Musiker*innen zu verdienen?

Die eigene Kunst mit gesellschaftlichem Engagement zu verbinden, das kann man bei uns erlernen. Und wer sein eigenes „Warum“ wirklich kennt, wer eine musikalische Mündigkeit entwickelt hat, wer sich für das Gemeinwohl einzusetzen vermag, findet zumeist auch seinen ganz eigenen, selbstbestimmten Weg. Darüber hinaus qualifizieren wir unsere Musiker*innen darin, sich in Schulprojekten zu betätigen, empowernde Quartiersarbeit zu betreiben, zeitgenössische Konzertformate zu entwickeln, eigene künstlerisch-soziale Impulsprojekte aufzubauen. Und wir schulen sie darin, professionelle Förderanträge zu schreiben. Aktuell arbeiten unsere Musizierenden zusammen mit zahlreichen Jugendlichen und Anwohnenden diverser Quartiere an einem ersten Hamburger Kunstschutzgebiet, das wir mit Unterstützung der Kulturstiftung des Bundes kreiert haben.

 

Über welches Etappenziel freut ihr euch persönlich nach 15 Jahren TONALi am meisten?

Wir haben bis 2019 einen der besten Musikwettbewerbe in Deutschland aufgebaut. Und dann haben wir diesen losgelassen, um uns auf die Zukünfte des klassischen Konzertes zu konzentrieren. Es hat ein wenig gedauert, bis unser gewachsenes Umfeld verstanden hat, warum wir das getan haben und welchen Beitrag wir heute leisten, ob in Bildung, im Konzert oder im Kulturleben ganz allgemein. Das ist für uns ein Etappenziel, eine erste Errungenschaft, da wir das konkurrierende Prinzip durch das kollaborative Prinzip abgelöst haben.

 

 

 

Amadeus Templeton
© Georg Tedeschi

 

Weil wir nicht für die klassische Musik missionieren, sondern mit der klassischen Musik in einen interkulturellen Dialog treten möchten. Das ist vielleicht auch der Schlüssel unseres kulturellen Bildungserfolgs. Wenn wir diese Haltung wirklich leben, dann machen wir uns für die erreichbar, die von Hause aus nur wenig Berührungspunkte mit klassischer Musik haben.

Amadeus Templeton

Ein Festival des Thalia Theaters

Lessingtage

© Matthias Horn

„Um alles in der Welt“: Die Lessingtage haben sich längst zu einem international renommierten Festival entwickelt, das mit künstlerischen Mitteln über die zentralsten Fragen des Weltgeschehens diskutiert.

Kulturelle Identität, religiöse Diversität, die Klimakrise, Einwanderung oder Weltbürgertum – mit den Lessingtagen richtet das Thalia Theater seit 2010 jedes Jahr seinen Fokus auf aktuelle weltpolitische und gesellschaftliche Diskurse und nähert sich diesen aus transkultureller, interdisziplinärer Perspektive. Gerade jetzt, in Zeiten zunehmender welt- und gesellschaftspolitischer Spannungen setzen die Lessingtage, ganz im Sinne ihres Namensgebers, auf das verbindende Toleranzangebot der Aufklärung. Teil des Programms sind neben internationalen Gastspielen und Eigenproduktionen auch Ausstellungen, Diskussionen und Lesungen. Fest integriert ist zudem die „Lange Nacht der Weltreligionen“ sowie die Festivaleröffnung durch bedeutende engagierte Persönlichkeiten.

Die Lessingtage verhandeln von Jahr zu Jahr auf künstlerische Weise das, was die Welt über den eigenen Horizont hinaus beschäftigt. Außerdem dient das Festival immer wieder zum Anlass, Werte oder Aussagen (deutscher) Klassiker in die heutige Zeit zu übertragen und Denkanstöße hin zu einer offenen, komplexen Gesellschaft zu geben. Mit den Lessingtagen fördern wir die Vision, einer Zeit voller Disruptionen das Prinzip der Kontinuität entgegenzustellen und Grenzen zu überqueren – seien es Grenzen zwischen Ländern, Generationen oder Ideologien und ästhetischen Handschriften.

Festivalzeitraumjährlich im Januar/Februar
VeranstaltungsortThalia Theater Hamburg
Förderzeitraum2011-2020, 2022-2025
Fördersumme200.000 Euro
Webseitethalia-theater.de

Helge Schmidts Inszenierung aus der Perspektive armutsbetroffener Menschen in Deutschland

#armutsbetroffen

© Lani Tran Duc

Der Hashtag #IchBinArmutsbetroffen gibt 17% der deutschen Bevölkerung eine Stimme. In seiner neuen Inszenierung nimmt Helge Schmidt die Problematik in den Blick.

Seit einigen Jahren ist die Armut in Deutschland auf hohem Niveau stabil, während gleichzeitig ausgerechnet die Kinderarmut weiter ansteigt. Arme Kinder haben geringere soziale und berufliche Aufstiegschancen – wer arm ist, bleibt zumeist arm. Auch andere marginalisierte Bevölkerungssegmente sind überproportional von Armut betroffen. Dies betrifft zum Beispiel Geflüchtete, aber auch immer noch Ostdeutsche wie auch Menschen, die sich in der Pflege von Angehörigen engagieren (müssen) – und Frauen, vor allem alleinerziehende. Seit dem 12.5.2022 gibt es den Hashtag #IchBinArmutsbetroffen, unter dem sich mittlerweile eine basisdemokratische Graswurzel-Bewegung subsummiert.

Helge Schmidts Inszenierung nähert sich diesem Thema aus zwei Richtungen: Zum einen basiert der Stücktext auf Biografien und Alltagserfahrungen von zehn Aktivist*innen der #armutsbetroffen-Bewegung. Auf der Bühne schneiden drei Schauspielerinnen diese Positionen mit Literatur und wissenschaftlichen Texten zu Armut und Intersektionalität gegen. So entsteht eine auch humorvolle Inszenierung, die Betroffene sichtbar, nicht aber betroffen machen will.

Mit dem Hamburger Helge Schmidt nimmt sich ein faustpreisgekrönter Regisseur (2019 für die „Cum-Ex Papers“) eines der relevantesten Themen unserer Zeit an. Bewusst verzichtet er auf Experteninterviews und Videoeinspieler, um den persönlichen Berichten der Armutsbetroffenen Raum zu geben, und achtet auch darauf, dass sowohl Menschen aus West- als auch aus Ostdeutschland zu Wort kommen.

FörderzeitraumJuni 2025
VeranstaltungsortLICHTHOF Theater Hamburg und TD Berlin
Fördersumme3.900 Euro
Webseitewww.zweieulen.de

Konferenz

Geschlechter- und Gendergerechtigkeit im Theater

BURNING ISSUES

© Manuel Vason

Die Konferenzreihe BURNING ISSUES setzt sich für gerechtere und vielfältigere Strukturen in der Theaterlandschaft ein.

BURNING ISSUES ist Netzwerk- und Austauschplattform: Die dreitägige Veranstaltung bringt Künstler*innen aller Sparten mit Kultur- und Medienschaffenden sowie Studierenden zusammen, um über Themen wie Gleichstellung, Diversität und Inklusion im Dialog der Generationen zu diskutieren. In Panels, Workshops, Keynotes, Performances und künstlerischen Interventionen werden geschlechterspezifische Hierarchien auf und hinter der Bühne durchleuchtet und die Sensibilität für Gleichstellung gesteigert.

Wichtiges Element der Veranstaltung ist der Markt der Möglichkeiten: Hier stellen Initiativen und Verbände ihre Arbeit vor, mit der sie sich für den Strukturwandel in der Kultur- und Theaterlandschaft stark machen. Es gilt, mit gebündelten Kräften konkrete Veränderung zu bewirken.

2019 fand die bundesweite Konferenz im Rahmen des Berliner Theatertreffens statt, 2020 folgte die Kooperation mit Kampnagel in Hamburg. Nachdem die Veranstaltung 2021 coronabedingt ausfallen

musste, kehrt sie 2022 zum Theatertreffen zurück. Dabei öffnet die aktuelle Ausgabe den inhaltlichen Schwerpunkt von der Gleichstellung hin zu einer globaler gefassten Gerechtigkeit und fragt, welche nachhaltigen Veränderungen ein gerechtes Theater auf und hinter der Bühne ermöglichen. Die siebte und angesichts der angespannten Fördersituation vorerst letzte Ausgabe im Jahr 2025 zeigte, wie unverzichtbar Orte der Solidarität in herausfordernden Zeiten sind.

Deutschland liegt in puncto Gleichstellung nach wie vor weit zurück. Weil die Veranstaltung einen wichtigen Beitrag in der Debatte um Gendergerechtigkeit in der Theaterlandschaft leistet und für Kultur- und Medienschaffende zu einem richtungsweisenden Kompass geworden ist, fördern wir BURNING ISSUES.

Förderzeitraum2020-2022, 2024, 2025
VeranstaltungsortKampnagel (2020), Berliner Theatertreffen
Fördersumme28.665 Euro
Webseitewww.burning-issues.de