Bildende Kunst

Deutscher Pavillon auf der Biennale in Venedig

Mit Arbeiten von Sung Tieu und Henrike Naumann

© Andrea Rossetti

Mit „Ruin“ verwandeln Sung Tieu und Henrike Naumann den Deutschen Pavillon der Biennale di Venezia 2026 in einen Raum, in dem Geschichte materiell spürbar wird. Kuratiert von Kathleen Reinhardt, verbindet der Beitrag persönliche Erinnerungen, politische Brüche und architektonische Spuren zu einer vielschichtigen Auseinandersetzung mit deutscher Gegenwart und ihren historischen Kontinuitäten.

Ausgangspunkt ist die Frage, wie politische Gewalt, gesellschaftliche Verunsicherung und autoritäre Dynamiken in Räume, Bilder und Alltagsästhetiken eingeschrieben bleiben. Dabei arbeiten beide Künstlerinnen mit historischen Spuren, persönlichen Erinnerungen und architektonischen Fragmenten, um Gegenwart nicht als abgeschlossene Gegenwart, sondern als Fortsetzung vergangener Konflikte sichtbar zu machen. „Ruin“ beschreibt deshalb nicht nur den Verfall von Gebäuden, sondern auch politische und gesellschaftliche Brüche, deren Folgen bis heute fortwirken.

Sung Tieu überzieht die monumentale Architektur des Pavillons mit der Fassade eines ehemaligen DDR-Plattenbaus in der Berliner Gehrenseestraße. Der Wohnkomplex war eines der größten Wohnheime für Vertragsarbeiter*innen der DDR und zeitweise auch ihr eigenes Zuhause. Heute wird die Anlage abgerissen. In Venedig entsteht sie als großformatiges Mosaik neu und verbindet Fragen von Migration, Erinnerung, Überwachung und Verdrängung mit der Geschichte des Deutschen Pavillons selbst.

Im Inneren des Pavillons entwickelt Henrike Naumann mit Möbeln, Gardinen, Wandfarben und Interieurs eine installative Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Militarisierung, rechter Gewalt und ostdeutscher Transformationsgeschichte.

Ihre Arbeit verbindet Nachkriegszeit, DDR-Alltag und die „Baseballschlägerjahre“ der 1990er Jahre zu einer „archäologischen Vorgeschichte der Gegenwart“. Dabei untersucht sie, wie politische Spannungen und gesellschaftliche Verhärtungen Teil alltäglicher Räume und ästhetischer Gewohnheiten werden. Henrike Naumann hat ihren Beitrag bis zu ihrem plötzlichen Tod im Februar 2026 maßgeblich entwickelt. Das Team des Deutschen Pavillons realisiert die Arbeit in enger Abstimmung mit ihrem Studio und führt ihre künstlerische Konzeption weiter.

Der Pavillon ist in diesem Jahr zudem eng mit Hamburg verbunden: Sung Tieu ist Absolventin der HFBK Hamburg und war dort zuletzt Vertretungsprofessorin. Henrike Naumann sollte ab Herbst 2026 eine Professur an der Hochschule übernehmen. Zwischen Plattenbau, Interieur und monumentaler Pavillonarchitektur entsteht mit „Ruin“ ein Raum, in dem deutsche Geschichte nicht linear erzählt wird, sondern gleichzeitig und widersprüchlich erfahrbar bleibt.

Henrike Naumanns künstlerische Stimme wird weit über diese Biennale hinaus fehlen.

Förderzeitraum9. Mai bis 22. November 2026
VeranstaltungsortBiennale von Venedig, Italien
Fördersumme40.000 Euro
Webseitewww.deutscher-pavillon.org/de

Theater

Neue Allianz für faktenbasiertes Erzählen auf der Bühne

Kunst und Journalismus

© Andreas Beck

Mit „Kunst und Journalismus“ starten das Schauspiel Köln und das gemeinwohlorientierte Medienhaus CORRECTIV eine langfristige Kooperation, die das Potenzial beider Disziplinen für ein zeitgenössisches, faktenbasiertes Erzählen nutzt. Es entsteht ein Laboratorium, in dem Künstler*innen und Journalist*innen gemeinsam neue Formen des dokumentarischen und recherchebasierten Theaters erproben. Bereits in der Spielzeit 2025/26 entstehen fünf Inszenierungen, die investigative Stoffe in eigenständige theatralische Perspektiven übersetzen.

Die Zusammenarbeit reagiert auf eine gesellschaftliche Situation, in der Informationen zwar jederzeit verfügbar sind, ihre Bedeutung aber in der Schnelllebigkeit digitaler Aufmerksamkeit oft verloren geht. Auf der Bühne hingegen können Faktenästhetisch transformiert und erfahrbar werden. Intendant Kay Voges beschreibt das Theater als einen Raum, in dem „Wirklichkeit konstruiert, wahrhaftig befragt und in ihrer Mehrdeutigkeit erfahrbar“ wird. Die Recherchen von CORRECTIV dienen dabei als künstlerisches Ausgangsmaterial.

Im Rahmen der Kooperation soll ein Thinktank von Journalist*innen und Künstler*innen entstehen. Hier werden Recherche, künstlerische Praxis und dokumentarische Ästhetik zusammengeführt, um neue Ausdrucksformen zu entwickeln. Neben recherchebasierten Bühnenarbeiten werden Erfahrungen und Wissen in Workshops geteilt. Zudem entsteht eine Quartalsschrift, die sich mit Fragen künstlerischer Methoden, ästhetischer Übersetzungen und den Möglichkeiten befasst, wie Kunst und Recherche einander produktiv ergänzen können.

Wir engagieren uns für das Projekt, weil die Verbindung von Theater und Journalismus neue Zugänge zu gesellschaftlichen Themen eröffnet. Beide Felder verfügen über eigene Formen der Recherche und Vermittlung; gemeinsam können sie unterschiedliche Perspektiven zusammenführen und neue Ansätze im Umgang mit komplexen Fragen erproben. Uns überzeugt der Anspruch, Recherche, künstlerische Methode und dokumentarische Ästhetik zu verbinden und Formate zu entwickeln, die sowohl analytisch präzise als auch ästhetisch zugänglich sind.

Förderzeitraum1.November 2025 – 31. Oktober 2027
VeranstaltungsortSchauspiel Köln
Fördersumme140.000 Euro
Webseitetheaterundjournalismus.de

Musik, Audience Development

Eine Konzertreihe des Ensemble Resonanz

urban string

© Jann Wilken

Die experimentelle Konzertreihe des Ensemble Resonanz vereint Kammermusik und Clubkultur.

Mit der Konzertreihe „urban string“ holt das Ensemble Resonanz klassische Musik in das urbane Nachtleben. Mitten im Hamburger Bezirk St. Pauli präsentieren die Musiker*innen mit jeder Ausgabe ein eigens entwickeltes Programm und spannen dabei den Bogen vom klassischen Repertoire über Werke des 20. Jahrhunderts bis hin zu zeitgenössischen Kompositionen.

Die Moderation übernehmen die Musiker*innen selbst und setzen so den thematischen Rahmen. Kooperationen mit DJs und Künstler*innen anderer Sparten bauen weitere Brücken und prägen die Atmosphäre von „urban string“ als künstlerisches Labor. Ziel der Konzertreihe ist es, klassische Musik zugänglicher zu machen und in den Stadtteil zu integrieren. 2016 wurde das Format mit dem Innovation Award der Classical Next ausgezeichnet.

Das Ensemble Resonanz zählt zu den führenden Kammerorchestern

weltweit. Seit 2017 hat das demokratisch organisierte Streichorchester eine Residenz in der Elbphilharmonie. Mit dem Format „urban string“ beschreiten die Musiker*innen neue Wege, um ein heterogenes und vornehmlich junges Publikum zu erreichen. Damit steht die Reihe für Offenheit und Mut. Diese Experimentierfreude gepaart mit dem hohem künstlerischem Niveau überzeugen uns.

AufführungMonatlich
Veranstaltungsortresonanzraum St. Pauli (Bunker Feldstraße), Hamburg
Förderzeitraum2013-2026
Fördersumme183.000 Euro
Webseiteensembleresonanz.com

Ausstellung

Erste umfassende Einzelausstellung Montgomerys in Europa in den Deichtorhallen Hamburg

Philip Montgomery – American Cycles

© Philip Montgomery

Der mexikanisch-amerikanische Fotograf Philip Montgomery zählt zu den prägenden Stimmen des zeitgenössischen Fotojournalismus in den USA. In seinen Schwarzweißserien verdichtet er gesellschaftliche, politische und ökologische Konflikte zu eindringlichen Bildkompositionen.

Nun zeigt das PHOXXI – das temporäre Haus der Photographie der Deichtorhallen Hamburg – seine erste große institutionelle Einzelausstellung in Europa. Montgomery dokumentiert seit über einem Jahrzehnt soziale Ungleichheit, strukturellen Rassismus, Naturkatastrophen und politische Polarisierung. Ikonisch wurden seine Fotografien der Black-Lives-Matter-Proteste nach der Ermordung von George Floyd, ebenso wie seine Serien zur Opioidkrise oder zu den Folgen extremer Wetterereignisse. Seine Arbeiten erscheinen regelmäßig in The New York Times Magazine, The New Yorker und Vanity Fair.

Die Ausstellung American Cycles versammelt rund 100 Fotografien aus den vergangenen zehn Jahren – darunter bekannte Auftragsarbeiten ebenso wie bislang unveröffentlichte Bilder.

Indem Montgomery individuelle Lebenssituationen mit übergeordneten gesellschaftlichen Dynamiken verknüpft, entsteht ein komplexes Porträt der Vereinigten Staaten im Wandel. Seine Fotografien zeigen Protestbewegungen, verletzliche Alltagsmomente, religiöse Gemeinschaften, politische Ränder und Menschen, die unmittelbar von ökonomischen oder ökologischen Krisen betroffen sind.

Die Ausstellung lädt dazu ein, Montgomerys Bilder im Spannungsfeld von dokumentarischer Beobachtung und künstlerischer Interpretation zu lesen. So eröffnet Montgomerys Werk einen präzisen Blick auf jene Schnittstelle, an der sich dokumentarischer Journalismus und künstlerische Praxis begegnen.

Förderzeitraum28. November 2025 – 10. Mai 2026
VeranstaltungsortPHOXXI – Haus der Photographie temporär, Deichtorhallen Hamburg
Fördersumme5.000 Euro
Webseitedeichtorhallen.de

Theater

#armutsbetroffen

Helge Schmidts Inszenierung aus der Perspektive armutsbetroffener Menschen in Deutschland

© Lani Tran Duc

Der Hashtag #IchBinArmutsbetroffen gibt 17% der deutschen Bevölkerung eine Stimme. In seiner neuen Inszenierung nimmt Helge Schmidt die Problematik in den Blick.

Seit einigen Jahren ist die Armut in Deutschland auf hohem Niveau stabil, während gleichzeitig ausgerechnet die Kinderarmut weiter ansteigt. Arme Kinder haben geringere soziale und berufliche Aufstiegschancen – wer arm ist, bleibt zumeist arm. Auch andere marginalisierte Bevölkerungssegmente sind überproportional von Armut betroffen. Dies betrifft zum Beispiel Geflüchtete, aber auch immer noch Ostdeutsche wie auch Menschen, die sich in der Pflege von Angehörigen engagieren (müssen) – und Frauen, vor allem alleinerziehende. Seit dem 12.5.2022 gibt es den Hashtag #IchBinArmutsbetroffen, unter dem sich mittlerweile eine basisdemokratische Graswurzel-Bewegung subsummiert.

Helge Schmidts Inszenierung nähert sich diesem Thema aus zwei Richtungen: Zum einen basiert der Stücktext auf Biografien und Alltagserfahrungen von zehn Aktivist*innen der #armutsbetroffen-Bewegung. Auf der Bühne schneiden drei Schauspielerinnen diese Positionen mit Literatur und wissenschaftlichen Texten zu Armut und Intersektionalität gegen. So entsteht eine auch humorvolle Inszenierung, die Betroffene sichtbar, nicht aber betroffen machen will.

Mit dem Hamburger Helge Schmidt nimmt sich ein faustpreisgekrönter Regisseur (2019 für die „Cum-Ex Papers“) eines der relevantesten Themen unserer Zeit an. Bewusst verzichtet er auf Experteninterviews und Videoeinspieler, um den persönlichen Berichten der Armutsbetroffenen Raum zu geben, und achtet auch darauf, dass sowohl Menschen aus West- als auch aus Ostdeutschland zu Wort kommen.

FörderzeitraumJuni 2025
VeranstaltungsortLICHTHOF Theater Hamburg und TD Berlin
Fördersumme3.900 Euro
Webseitewww.zweieulen.de

Neuer Fonds für Medienvielfalt

Media Forward Fund

© Media Forward Fund

Der Media Forward Fund ist 2024 als erster länderübergreifender Fonds für Journalismusförderung in Deutschland, Österreich und der Schweiz in seine erste Förderrunde gestartet. Die nächste Antragsfrist ist für Anfang 2025 geplant.

Der Fonds ist zunächst mit sechs Millionen Euro dotiert und setzt sich dafür ein, dass es mehr unabhängige Qualitätsmedien mit tragfähigen Geschäftsmodellen gibt, die starke, vertrauenswürdige Inhalte publizieren und sich langfristig nachhaltig finanzieren. Damit soll die Vielfalt im Journalismus und damit die Demokratie gestärkt werden. Pro Organisation werden Fördermittel von bis zu 400.000 Euro vergeben. Die erste Bewerbungsphase für den Media Forward Fund ist zwischenzeitlich abgeschlossen. Die nächste Bewerbungsphase beginnt Anfang 2025.

Der länderübergreifende MFF wurde auf Initiative der Rudolf Augstein Stiftung, Schöpflin Stiftung, Stiftung Mercator Schweiz, Volkart Stiftung, ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, Allianz Foundation, Stiftung für Medienvielfalt, ERSTE Stiftung, DATUM-STIFTUNG für Journalismus und Demokratie sowie des Impact Investors Karma Capital und Publix – Haus für Journalismus & Öffentlichkeit als gemeinnütziger Fonds gegründet. Die Entwicklung des Fonds wurde von der Beauftragten der deutschen Bundesregierung für Kultur und Medien mit einer Projektförderung unterstützt. Geplant sind drei Förderrunden pro Jahr: Die Förderungen belaufen sich entweder auf 200.000 Euro für Projektförderung oder 400.000 Euro für Organisationsförderung pro Medium für zwei Jahre.

Förderzeitraum2024-2026
Fördersumme300.000 Euro
Webseitewww.netzwerkrecherche.org

Sofort- und Strukturhilfe

JX Fund – Europäischer Fonds für Journalismus im Exil

© Rafael Ben-Ari, stock.adobe.com

Der JX Fund unterstützt Medienschaffende, unabhängige Berichterstattung unmittelbar nach ihrer Flucht aus Kriegs- und Krisengebieten fortzusetzen; und stärkt darüber hinaus den nachhaltigen Aufbau neuer Redaktionsstrukturen im Exil.

Putins Angriff auf die Ukraine hat nicht nur ukrainische Medien in eine existenzielle Krise gestürzt: Zahlreiche Redaktionshäuser wurden bombardiert, Reporter*innen berichten unter Lebensgefahr. In Russland hingegen hat der Kreml die Zensur derart verstärkt, dass hunderte russische Medienschaffende, die dem Druck der Behörden lange getrotzt hatten, innerhalb kürzester Zeit das Land verließen. Viele von ihnen wollen ihre Arbeit im Exil fortsetzen und ihre Redaktionen neu formieren; ähnlich geht es zahlreichen Reporter*innen, die nach der „Wiederwahl“ Alexander Lukaschenkos 2020 aus Belarus geflohen sind. Auch in Afghanistan gibt es nur noch halb so viele unabhängige Medien wie zuvor, seit die Taliban im August 2021 die Macht übernommen haben.

Um diesen und weiteren Medienschaffenden schnell und flexibel dabei zu helfen, ihre Arbeit im Exil fortzusetzen, haben wir im März 2022 gemeinsam mit Reporter ohne Grenzen (RSF) und der Schöpflin-Stiftung den JX Fund

gegründet – einen europäischen Fonds für Journalismus im Exil. Er will unabhängige Medien im Exil aber auch über eine Phase akuter Aufmerksamkeit hinaus stärken und den nachhaltigen Aufbau neuer Redaktionsstrukturen im Exil unterstützen. Auf diese Weise können sie mit ihren Inhalten ihr Publikum in den Heimatländern weiterhin erreichen.

Der JX Fund wird von einem breiten Bündnis aus Medien und zivilgesellschaftlicher Organisationen unterstützt; er fungiert als Schnittstelle, die die zahlreichen Hilfsangebote bündelt und Ressourcen gezielt dorthin weiterleitet, wo sie am dringendsten gebraucht werden. So soll vermieden werden, dass Unterstützung nur kurzzeitige Effekte hat oder verschiedene Initiativen an selber Stelle doppelt arbeiten.

In Situationen, in denen unabhängige Medien aus dem Land vertrieben werden, sind ihre Stimmen wichtiger denn je. Sie enthüllen, was autoritäre und diktatorische Regime im Dunkeln lassen möchten und trotzen der Zensur. Aus diesem Grund haben wir den JF Fund mitgegründet.

Förderzeitraum2022 bis 2026
Fördersumme320.000 Euro
Webseitewww.jx-fund.org

Musiktheater

Wagner weltweit

Sounding Situations‘ Analyse der Wagner-Gruppe auf Kampnagel und an der Deutschen Oper

© KI-generiertes Bild

Sounding Situations untersuchen die Beziehung zwischen dem Mythos um den Komponisten Richard Wagner und der Realität heutiger Kriege anhand der Selbstverortung der Wagner-Gruppe in dessen Narrativen.

Am 23. Juni 2023 unternahm die russische Söldnergruppe Wagner um Jewgenji Prigoschin mit ihrem „Marsch auf Moskau“ einen Putschversuch. Zwei Monate später kam Prigoschin bei einem Flugzeugabsturz auf dem Weg von Moskau nach St. Petersburg ums Leben; mutmaßlich ein Attentat. Die Söldnergruppe nennt sich nach dem deutschen Komponisten, ihre Mitglieder bezeichnen sich selbst als Musiker, ihre Waffen als Instrumente: Krieg ist für sie ein Gesamtkunstwerk.

„Wagner weltweit“ widmet sich der Frage nach der Macht von Kunst, nach ihrer Verantwortung für reale Ereignisse und ihren Möglichkeiten der Einflussnahme – anhand dieses sehr aktuellen Negativbeispiels: Wurde Wagner schon von den Nationalsozialisten instrumentalisiert, erlebt diese Form der (Ver-)Wertung des Komponisten nun bei der russischen Söldnertruppe ein makabres Revival. Handelt es sich um eine Vereinnahmung Wagners? Oder gibt es in dessen Themen- und sonorem Spektrum nicht auch Tendenzen, die der nationalsozialistischen Gedankenwelt ohnehin nah stehen?

Sounding Situations nehmen die Herausforderung an, im vollen Bewusstsein des ideologischen Potenzials von Musik und Kunst im Allgemeinen Verantwortung zu übernehmen und künstlerische Angebote zu machen, die zu Gegenentwürfen zu Krieg und Entzweiung taugen.

Das dreiköpfige Kernteam arbeitet für „Wagner weltweit“ mit vier Musikerinnen und Musikern zusammen, darunter die russische Mezzosopranistin Maria Markina, seit 2010 Ensemblemitglied der Staatsoper Hamburg.

Förderzeitraum13.-15. Juni 2025
VeranstaltungsortDeutsche Oper, Berlin
Fördersumme5.000 Euro
Webseitewww.sounding-situations.com

Erste bundesweite Studie zu Zeitungssterben

Wüstenradar

© Wüstenradar

Bis dato gab es in Deutschland kein systematisches Monitoring, inwiefern durch den Rückzug regionaler und lokaler Tageszeitungen Lücken bei der journalistischen Recherche und der Kontrolle von Kommunalpolitik entstehen. Die im November 2024 lancierte Pionierstudie „Wüstenradar“ präsentiert nun erstmals den Status Quo und zeigt Tendenzen auf.

Unabhängige Medien sind unabdingbar für die Demokratie. Sie ermöglichen einen offenen politischen Diskurs, dienen als Vierte Gewalt und Kontrollinstanz für das Handeln von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft und beugen Machtmissbrauch und Korruption vor. Sinkende Auflagen und rückläufige Einnahmen im Anzeigensektor haben viele Verlage jedoch in eine riskante wirtschaftliche Schieflage gebracht. Wo lokale oder regionale Zeitungen schrumpfen oder verschwinden, entstehen Leerstellen, die andere Medien nicht füllen wollen, können oder dürfen. Es steht zu befürchten, dass damit auch die Watchdog-Funktion der Presse in Gefahr gerät.

Die mit der digitalen Revolution einhergehenden Umbrüche im Mediensystem haben den Journalismus insbesondere auf der lokalen und regionalen Ebene geschwächt. Dies kann Türen für Korruption und Missbrauch öffnen. Wo die Watchdog-Funktion von Medien ausbleibt, gerät die Demokratie in Gefahr. Während Studien in anderen Ländern wie beispielsweise den USA belegen, dass das Verschwinden lokaler und regionaler Zeitungen zum Ausfall eines zentralen Korrektivs gegenüber der lokalen und regionalen Politik führt, fehlte in Deutschland bislang eine solche empirische Untersuchung. Hier schafft die Pionierstudie „Wüstenradar“ nun Abhilfe. Darüber hinaus wird eine Struktur für ein dauerhaftes Monitoring der Präsenz und des Ausmaßes lokaljournalistischer Berichterstattung etabliert.
Der „Wüstenradar“ ist ein Projekt der Hamburg Media School in Kooperation mit Transparency International Deutschland sowie Netzwerk Recherche e.V..

Förderzeitraum2023-2024
Fördersumme47.350 Euro
Webseitewww.wuestenradar.de/

Netzwerk Recherche

© Nick Jaussi

Der Aufklärung verschrieben: Die Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche (NR) setzt sich für Informationsfreiheit und die Stärkung des investigativen Journalismus ein.

Der 2001 von Journalist*innen gegründete Verein setzt sich in der Aus- und Fortbildung für die Vermittlung von Recherchetechniken ein und unterstützt Projekte, die einen langen Atem erfordern. Das Netzwerk thematisiert in der Öffentlichkeit den Mangel an Recherche und den damit einhergehenden, schleichenden Qualitätsverlust in der Berichterstattung. Mehr als 1.000 Journalist*innen gehören dem Netzwerk inzwischen an.

Eine ebenso hohe Zahl nimmt an der Jahreskonferenz des Netzwerks mit ihren über 100 Einzelveranstaltungen teil. Zudem finden jährlich mehrere Fachkonferenzen statt. Außerdem vergibt NR den Leuchtturm-Preis für besondere publizistische Leistungen sowie Stipendien für herausragende Rechercheprojekte und engagiert sich für den Non-Profit-Journalismus.

Mit unserer Unterstützung konnte im Jahr 2008 eine professionelle Geschäftsstelle eingerichtet werden. Sie übernimmt wichtige organisatorische Aufgaben, unterstützt die ehrenamtliche Arbeit des Vorstands und spielt eine maßgebliche Rolle bei der Planung der Konferenzen. Mit dieser strukturellen Förderung schaffen wir einen Mehrwert für alle Journalist*innen, die die Angebote von Netzwerk Recherche nutzen. Denn: Vernetzung, Wissenstransfer und Selbstreflektion bilden die Basis für Visions- und Innovationskraft der Medienbranche.

Förderzeitraum2008-2025
Fördersummeinsgesamt 585.500 Euro
Webseitenetzwerkrecherche.org

Interview mit Daniel Drepper


Was zeichnet Netzwerk Recherche besonders aus?

Wir haben einen klaren Fokus: Die Recherche. Die fordern wir. Die fördern wir. Die feiern wir. Das schafft eine wachsende Gemeinschaft von Menschen, denen die Recherche als Kern des Journalismus so wichtig ist wie uns.

 

Was hat sich durch Netzwerk Recherche konkret daran verändert, wie heute recherchiert wird?

Vor unserer Gründung war Recherche ein Randaspekt des Journalismus: einsam, männlich dominiert, mit hohen Hürden. Wir haben tausende Menschen vernetzt, haben gezeigt, dass Recherche ein zugängliches Handwerk ist – und arbeiten daran, der Recherche immer mehr Perspektiven und Stimmen zu geben.

 

Welche Voraussetzungen braucht gründliche Recherche und was hat Netzwerk Recherche dazu beigetragen, diese zu verbessern?

Recherche braucht drei Dinge: Handwerk, Zeit und Rückgrat. Durch unsere Konferenzen haben wir einen Ort und eine Kultur geschaffen, in der das Recherche-Handwerk auf Augenhöhe geteilt wird. Wir vergeben seit Jahren Stipendien, die Recherchezeit kaufen. Und wir schaffen Reporter*innen mit unserer klaren Linie ein Geländer, das es leichter macht, sich bei Angriffen aufzurichten und stehen zu bleiben.

 

Was braucht gute Recherche in Zukunft? Welche Rolle kann Netzwerk Recherche in dieser Entwicklung spielen?

Zwischen AI-Slop, Social Media-Polarisierung und schrumpfenden Redaktionen brauchen wir einen Fokus auf die klassische Recherche, auf das Sprechen mit Menschen, auf das Veröffentlichen dessen, was andere nicht veröffentlicht sehen wollen. Wir helfen dabei, zum Beispiel mit unserem neuen Fellowship für Lokale Recherchen, mit Honorar für bis zu sechs Monate, mit Weiterbildung und mit einem pragmatischen Support-Desk. Denn wir glauben, dass gerade im Lokalen eine starke Recherche das Vertrauen in den Journalismus extrem stärken kann.

 

 

 

 

Daniel Drepper
© NDR / Friedrich Bungert

 

Journalist*innen werden immer mehr zur Zielscheibe – insbesondere auch im digitalen Raum. Wir merken, wie groß der Gegenwind ist und wie wichtig es ist, dass Redaktionen diese neue, systematische Einschüchterung der Pressefreiheit ernst nehmen.

Daniel Drepper