Journalistisches Förderprojekt

Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur zur Praxis des Qualitätsjournalismus

© UHH/Esfandiari

In enger Verbindung zur Praxis den Qualitätsjournalismus in Forschung und Lehre stärken: dafür stand die Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur an der Universität Hamburg.

Sie wurde 2006 als erste von einer Stiftung finanzierte Professur im journalistischen Feld in Deutschland eingerichtet. Ziel war die Förderung des journalistischen Nachwuchses sowie die Stärkung und Weiterentwicklung des Qualitätsjournalismus durch exzellente Forschung und Lehre. Als besonders wichtig erachten wir einen engen Praxisbezug, Experimentierfreude und ein stabiles internationales Netzwerk, von dem auch die Studierenden durch Austauschprogramme profitierten.

„Ein Journalist darf es sich nicht bequem machen und erst recht nicht denjenigen, über die er schreibt“, war Rudolf Augstein überzeugt. Wir halten es für essentiell, dass Journalist*innen schon während ihres Studiums dazu befähigt und ermutigt wurden, ihre Kritik- und Kontrollfunktion in der Demokratie wahrzunehmen.

Um den Journalismus langfristig zu stärken, bedurfte es neben Recherche-und Methodenkenntnissen aber ebenso einer fundierten Ausbildung in den

Bereichen Medienethik und -kritik. Die Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur stand für die Verankerung dieser Prinzipien in Forschung und Lehre. Wir verstanden sie damit als Beitrag zur nachhaltigen Stärkung des Qualitätsjournalismus. Im Zuge einer von der Universität Hamburg beschlossenen Neuausrichtung des Studiengangs wurde die Professur nach 2025 nicht fortgeführt.

Inhaber der Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur war Professor Dr. Volker Lilienthal. Der Diplom-Journalist war vor seinem Ruf an die Universität Hamburg stellvertretender Ressortleiter und Verantwortlicher Redakteur von „epd medien“. Als Journalist wurde Volker Lilienthal vielfach ausgezeichnet, beispielsweise mit dem „Leuchtturm für besondere publizistische Leistungen“ (2004) des Netzwerk Recherche, mit dem Bert-Donnepp-Preis (2005) sowie dem Leipziger Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien (2006).

Förderzeitraum2006-2011
Fördersumme1.000.000 Euro
Webseitewiso.uni-hamburg.de

Interview mit Professor Dr. Volker Lilienthal

Welches Defizit in der journalistischen Ausbildung adressierte die Professur?

„Qualitätsjournalismus“ war ein schillernder Begriff, immer gut für Sonntagsreden von der freien Presse. Aber diese Leitidee in journalistische Praxis zu übersetzen, darum hat sich kaum jemand gekümmert. Ich habe versucht, sie vom Kopf auf die Füße zu stellen.

Was hat die Verbindung von universitärer Lehre und journalistischer Praxis ermöglicht, was weder klassische Journalistenschulen noch rein wissenschaftliche Studiengänge leisten?

Das war die Theorie-Praxis-Integration oder „Professionalisierung durch Wissenschaft“, wie es mein Diplomvater Kurt Koszyk genannt hat. Angehende Journalist:innen sollten von Wissenschaft lernen, etwa indem sie verstehen, was Nutzungspräferenzen des Publikums sind. Zugleich blieben wissenschaftliche Erkenntnisse nicht zweckfrei, weil die Studierende zu einer wissensbasierten und ethisch verantwortbaren Berufswahrnehmung befähigten.

Woran zeigt sich, dass die Professur Wirkung entfaltet hat?

Erstens zeigt sich die Wirkung im Karriereverlauf nicht weniger Absolvent*innen, die sich inzwischen gute Positionen im Medienbetrieb erarbeitet haben und deren Arbeit erkennen lässt, dass sie die Tugend der Recherche voll internalisiert haben. Natürlich freut es mich auch, wenn ein weitreichendes Webmedium wie T-Online mich „einen der renommiertesten Medienforscher des Landes“ nennt.

Was bleibt von der Professur und was geht womöglich verloren?

Die praxisorientierte Lehre ist leider ganz verloren gegangen, weil sich die Uni Hamburg entschieden hat, meine Professur ganz anders auszurichten. Aber es bleibt ein vorgelebtes Modell, übrigens auch in der Forschung: Journalismusforschung, die auch den beforschten Objekten nützt, den Journalist*innen und den Redaktionen.

Was können Stiftungen aus dieser Erfahrung lernen, wenn sie Qualitätsjournalismus langfristig stärken wollen?

Schwierige Frage. Eine Stiftungsprofessur dieser Größenordnung wird es schnell wohl nicht mehr geben. Aber Stiftungen, die um den Wert von Journalismus für die offene Gesellschaft wissen, können die Ausbildung von Journalist*innen auch in kleineren Formaten fördern. Beispiel gefällig? Recherche-Exkursionen zu Schauplätzen politischer oder gesellschaftlicher Prozesse möglich machen.

Welche strukturellen Risiken entstehen für den Journalismus, wenn Orte für Praxis, Kritik und Verantwortung nicht dauerhaft verankert sind?

Journalismus ist ein gesellschaftliches Subsystem, das andere Systeme kritisch auf deren Funktionieren hin beobachtet. Aber auch die Beobachtenden müssen sich permanent hinterfragen und neu justieren. Dabei hilft professionelle Kritik und es helfen durchdachte Angebote für eine bessere Praxis. Eine Denkfabrik für den Journalismus von morgen, mit ganz viel Experimentierraum für junge Menschen – das wäre was.

 

Eine detaillierte Bilanz der Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur in Lehre, Forschung und Transfer findet sich auf der Website der Universität Hamburg.

Professor Dr. Volker Lilienthal
© UHH/Esfandiari

 

„Qualitätsjournalismus“ war ein schillernder Begriff, immer gut für Sonntagsreden von der freien Presse. Aber diese Leitidee in journalistische Praxis zu übersetzen, darum hat sich kaum jemand gekümmert. Ich habe versucht, sie vom Kopf auf die Füße zu stellen.

Prof. Dr. Volker Lilienthal